28.01.2026
EMAF 39 - Das Thema: "An Incomplete Assembly"
Institutionen zielen darauf ab, flüchtige Verhältnisse wie Macht, Arbeit und Privilegien, aber auch Sprache und Emotionen möglichst effizient zu ordnen und diese Ordnung auf Dauer zu stellen. Welchen Nutzen haben sie für wen und auf wessen Kosten? Und unter welchen Bedingungen sind sie bereit, ihre einmal instituierte Ordnung zu verändern? Diese Fragen stellen sich auch im Hinblick auf die Rolle und Verantwortung von Kulturinstitutionen – und zwar nicht erst seit massive Angriffe auf die Freiheit der Kunst auch die Daseinsberechtigung ihrer Institutionen in Zweifel ziehen und die Ungleichheiten und Ausschlüsse in der Kulturszene mit besonderer Deutlichkeit vor Augen führen. Gleichzeitig ist zu vermuten, dass sich in jenen Codes of Conduct, Mission Statements und anderen schriftlichen Selbstverpflichtungen, mit denen immer mehr Kulturinstitutionen an die Öffentlichkeit treten, nicht nur ein zunehmender Druck von außen artikuliert, die eigene Ethik und Programmatik zu vereindeutigen, sondern auch eine innere Verunsicherung der Institutionen selbst. Gibt es ein Außen der Institutionalisierung, oder grundsätzlich andere Codes, Vereinbarungen und Formen der Versammlung, und wie könnten diese für Kunst und Kulturarbeit aussehen?
Im Rahmen des diesjährigen Themenschwerpunkts An Incomplete Assembly wollen wir in Talks, Ausstellungen, Filmprogrammen, Performances und Workshops betrachten, was Institutionen vermögen: welche Aussagen, Haltungen und Handlungen sie ermöglichen, welche sie aber auch übersehen, übergehen oder aktiv unterbinden; wie die Normierung von Sprache, Körpern, Räumen und Zeit bestehende Strukturen verfestigt, und wie künstlerische und nichtkünstlerische Bewegungen diesen normativen Ansprüchen begegnen.
Die von Inga Seidler kuratierte Ausstellung denkt Institutionen als „performative Ensembles“, als choreografierte Abläufe, als kollektive Gefüge aus Rollen, Rhythmen und stillen Vereinbarungen, die sich lesen, anpassen, stören und improvisieren lassen. Die gezeigten Arbeiten nutzen Bewegung, Musik und gemeinschaftliche Situationen, um diese Ordnungen sichtbar sowie körperlich und zeitlich erfahrbar zu machen. Sie loten jene Räume und Möglichkeiten aus, die dort entstehen, wo Abläufe ins Stocken geraten, Rollen herausgefordert und Codes unterbrochen oder verschoben werden. Dabei zeigen sie, wie institutionelle Systeme Verhalten normieren, Zugehörigkeiten organisieren und zugleich form- und irritierbar bleiben.
Das Filmprogramm zum Thema, kuratiert von Ana Vaz, denkt Film jenseits der Rezeption abgeschlossener Werke. Es untersucht Praktiken, die den Herstellungsprozess nicht als Mittel zum Zweck, sondern als konstitutiven Bestandteil der Werke selbst betrachten. Jenseits von Fragen der Darstellung kommen damit die Bedingungen für die Entstehung bewegter Bilder in den Blick – seien sie filmisch oder performativ. Die Reihe fragt nach der Handlungsmacht ihrer Autor*innen, Beteiligten und Nutzer*innen und stellt Verbindungen her zwischen On- und Offscreen, Bühne und Backstage. Hier wird Film eher zu einer Form der Aufmerksamkeit, der Einstimmung aufeinander und des kollektiven Schaffens, zu einem Mittel für die Erprobung wünschenswerter und widerständiger Zukünfte.
Die von Franziska Pierwoss kuratierten Talks und Workshops befassen sich praxisorientiert mit den alltäglichen Realitäten der Kulturarbeit. Das Programm richtet sich an Filmemacher*innen, Kurator*innen, Organisator*innen und Studierende gleichermaßen und fragt, wie wir arbeiten – vor Ort, im Prozess und in Beziehung zueinander. Während wir gern – und völlig zu Recht – die Kontraproduktivität von Institutionen kritisieren, stellt dieses Programm eine andere Frage: Wie könnten produktive Antworten aussehen – auf Zensur, institutionelle Feigheit und kollektive Erschöpfung? Das Programm wendet sich Praktiken zu, die interventionistisch vorgehen, indem sie digital in den öffentlichen Raum eingreifen oder festgefahrene Hegemonien aufbrechen, und lädt dazu ein, sich innerhalb bestehender Strukturen zu organisieren und diese gleichzeitig herauszufordern.
In ihrer Reihe „What Is Needed“ betrachten Raquel Schefer und Philip Widmann die „Mostra Internacional de Cinema de Intervenção“, ein Festival, das 1976 im postrevolutionären Portugal stattfand. Es war der einzigartige Versuch, unterschiedliche Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen miteinander zu verbinden. Das Nebeneinander militanter Filme aus dem Globalen Norden und Süden im Festivalprogramm deutet darauf hin, dass das kritische Potenzial des Kinos im Wesentlichen den Süd–Süd-Netzwerken audiovisueller Unabhängigkeit zu verdanken war. Aus der Perspektive der fünf Jahrzehnte, die seit der Mostra vergangen sind, beleuchtet die Reihe die Widersprüche einer Integration von „Intervention“ in die Institutionen einer postfaschistischen, liberal-demokratischen Gesellschaft, die entgegen aller Behauptungen an westlicher Vorherrschaft festhält. Die Reihe ist eine Kooperation mit Doc’s Kingdom und dem Projekt Paranational Cinema—Legacies & Practices an der Universität Zürich.
Die Kurator*innen:
Franziska Pierwoss arbeitet als Künstlerin mit Performance und Installation. Ihre Projekte untersuchen Lebensmittelsysteme als politische Symbole und Materialien innerhalb sozialer und finanzieller Sphären. Sie hat in Leipzig und Beirut studiert und ihre Arbeiten u.a. auf der Sharjah Biennale, in der nGbK, im Jameel Arts Centre und bei Urbane Künste Ruhr gezeigt.
Raquel Schefer ist Filmemacherin, Filmkuratorin und Associate Professor an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift La Furia Umana und ehemalige Programmberaterin für die Festivals IDFA und Encuentros del otro cine (EDOC).
Inga Seidler ist eine in Berlin lebende freie Kuratorin und Projektmanagerin. Sie war Ausstellungskuratorin des transmediale Festivals und leitete das Web Residency Programm der Akademie Schloss Solitude. Seit 2021 kuratiert sie u.a. die Ausstellungen des EMAF.
Ana Vaz ist Künstlerin und Filmemacherin. Ihre Arbeiten befragen Film als Kunst des (Un-)Sichtbaren und Instrument zur Verwandlung der menschlichen Wahrnehmung. Sie beleuchten die tiefgreifenden Widersprüche unserer Zeit und insbesondere die destruktiven Praktiken der kolonialen Moderne.
Philip Widmann ist Researcher, Kurator und Filmemacher und arbeitet derzeit im Projekt „Paranational Cinema – Legacies & Practices” an der Universität Zürich. Er ist Herausgeber von Film Undone – Elements of a Latent Cinema, einer Sammlung von Zugängen zu nicht realisierten und unvollendeten Filmen.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!