03.04.2025
EMAF 38 - Die Talks: I could swear my face was touching stone

Wenn Zeug*innen von Gewalt und Ungerechtigkeit ungehört bleiben, wo wird das, was passiert, registriert, wo wird es aufgehoben? Wie kann das, was bezeugt wurde, Geschichten schreiben, die noch nicht geschrieben wurden und die Macht eines systemischen Unwissens brechen, das gesellschaftliche Privilegien sichert? Mit diesen Fragen setzen sich in diesem Jahr die Talks des European Media Art Festival auseinander. Heute wollen wir Euch das Programm vorstellen.
Zeug*innenschaft ist selbst verstrickt in epistemische Gewalt: Ich sehe nur, was ich kenne, erkenne, zu erkennen gelernt habe. Ausgehend vom NSU-Komplex beschreibt Natascha Sadr Haghighian in Was ich noch nicht erkenne, jetzt in diesem Moment (2023) kollektive Ignoranz als Grundlage von strukturellem Rassismus und stellt dieser die Selbstbehauptung migrantisch situierter Erfahrung und Erinnerung entgegen. Der Titel der diesjährigen Talks I could swear my face was touching stone greift die affektiven Aspekte des Bezeugens auf. Er ist der Gedichtsammlung Land to Light On (1997) der kanadischen Schriftstellerin Dionne Brand entliehen. Brand hat sich in ihrer Poesie immer wieder mit der Frage des Bezeugens beschäftigt, mit der Lücke zwischen dem, was angetan, und dem, was davon berichtet wurde. Vor diesem Hintergrund widmen sich die vier Veranstaltungen, in denen die Beitragenden Kurzvorträge, Gespräche, Lesungen und Filme miteinander verknüpfen, den transhistorischen Dimensionen von Zeug*innenschaft sowie körperlichen und sensorischen Formen des Wissens.
Kuratiert und moderiert werden die Talks von Natascha Sadr Haghighian, Marc Siegel, Philip Widmann und Florian Wüst.
Technologies
Die Filmwissenschaftlerinnen Anaïs Farine (Beirut) und Irit Neidhardt (Berlin) befassen sich mit den wechselnden Kontexten von Bildern und Tönen aus und über Palästina. Sie diskutieren, inwiefern eine durch Film institutionalisierte Solidarität mit der palästinensischen Sache in Deutschland heute weitgehend verschwunden ist, und identifizieren aktuelle künstlerische und kuratorische Interventionen in einem Feld, in dem Technologien des Sichtbarmachens leicht den gegenteiligen Effekt haben können. Das Gespräch wird ergänzt durch eine breite Auswahl an audiovisuellem Material – von Filmen westdeutscher Filmcrews, die im Auftrag der PLO gedreht wurden, über aktuelle Experimentalfilme, die Found Footage aus dem kolonisierten Palästina des frühen 20. Jahrhunderts verwenden, bis hin zu der 2024 in Gaza entstandenen Kurzfilmkompilation From Ground Zero.
Magic
Die Stimmen der Unterdrückten werden für uns oft erst hörbar, wenn wir uns in herrschaftsfreies Terrain begeben, charakterisiert durch magische Störungen und nicht erwartbare Fantasien. Die Autorin und Philologin Sanabel Abdel Rahman (Tunis) und der Künstler und Forscher Ashkan Sepahvand (London) sprechen über Zeug*innen, die die koloniale Wirklichkeit durch Magie und Geschichtenerzählen aufbrechen. Abdel Rahman diskutiert Aspekte ihrer Forschungen zu magischem Realismus und Spuk als Elemente des palästinensischen Widerstands, während Sepahvand sich Figuren der Alterität widmet, die im Kontext des geopolitischen Niedergangs im modernen Iran entstehen.
Continuities
Im April 2024 berichteten die Rechts- und Islamwissenschaftlerin Nahed Samour und die Künstlerin Pary El-Qalqili beim EMAF über die Repression und das Silencing von Stimmen in Deutschland, die sich mit Palästina solidarisch zeigen. Ein Jahr später wirft Nahed Samour (Berlin) einen Blick auf den aktuellen Stand der Dinge: Wie lässt sich der gegenwärtige gesellschaftliche Zustand bezeichnen? Ist er bereits permanent geworden? Eine andere Form von Chronik ist das fortlaufende Projekt Corrections and Clarifications der Künstlerin Anita Di Bianco (Frankfurt am Main), in dem sie seit dem 1. September 2001 die täglich in Printmedien erscheinenden Widerrufe, Neuformulierungen, Differenzierungen und Entschuldigungen zusammenträgt. Di Bianco zeigt, dass die Vorstellung von historischen Brüchen selbst Teil der Fehldarstellung und Verzerrung ist.
Bodies
Der Autor und Kurator José B. Segebre (Berlin) reflektiert die Ästhetik des Wartens in der queeren, feministischen, schwarzen und dekolonialen künstlerischen Praxis. Im Mittelpunkt steht das Warten als eine zentrale Dimension des sumud (Standhaftigkeit), einer Praxis des Widerstands, die den palästinensischen Alltag innerhalb und außerhalb des historischen Palästina prägt. Ashkan Sepahvand spricht über Performances und Rituale um Tod und Sterben im Kontext der AIDS-Pandemie. Er nimmt dabei sowohl die historische Weitergabe von Wissen zwischen queeren Tänzer*innen und Choreograf*innen in den Blick als auch das Theater von Regisseur Reza Abdoh, der sich in seiner Arbeit auf die iranisch-islamische Performance-Tradition der ta’ziyeh bezieht.
Film- und Kunstprofessionals können sich noch bis zum 18. April hier für den Besuch des Festivals anmelden.
Wir freuen uns auf Euren Besuch!
Picture Copyright: Anaïs Farine und Irit Neidhardt