17.02.2026
EMAF 39 - Artist in Focus: Marwa Arsanios
In der Reihe Artist in Focus stellt das EMAF das filmische Werk namhafter zeitgenössischer Künstler*innen vor, teils auch im Dialog mit weiteren Filmen oder Beiträgen, die mit ihrem Werk in Verbindung stehen. In diesem Jahr präsentieren wir Arbeiten der im Libanon geborenen, in Berlin lebenden Künstlerin Marwa Arsanios (geboren 1978). Damit würdigen wir eine international beachtete künstlerische Praxis, in der Film und Recherche, politische Imagination und kritische Intervention eng miteinander verwoben sind.
Im Zentrum des Programms steht die seit 2017 fortlaufende, inzwischen fünfteilige filmische Serie Who Is Afraid of Ideology?. Darin begleitet Arsanios feministische Kollektive und Initiativen im irakischen Teil Kurdistans, in Syrien, im Libanon und Kolumbien, deren Einsatz für die Vergemeinschaftung und Rückgabe von Land mit ihrem Kampf um Selbstbestimmung Hand in Hand geht. In einem kontinuierlichen Prozess des Gesprächs und Austauschs portraitiert Arsanios Frauen, die in ländlichen Regionen kollektive, antikapitalistische und antipatriarchale Formen des Zusammenlebens praktizieren, die überlieferte Formen der Landnutzung gegenüber Privatisierung und kolonialer Besatzung verteidigen oder sich für die Wiederherstellung von historischem Gemeineigentum einsetzen. Die Weitergabe von Wissen, Solidarität und gegenseitige Unterstützung spielen dabei immer eine Rolle und werden auch in der filmischen Arbeit mit reflektiert.
Der aktuelle, fünfte Teil der Serie, Right of Passage (2026), entfaltet sich in der Welt des Traums. In ihr sind jene Grenzziehungen, die Eigentum und Territorium begründen, die Menschliches von Nichtmenschlichem und Vergangenes von Gegenwärtigem trennen, suspendiert. Ihre Durchlässigkeit ermöglicht die freie Passage unterschiedlicher „politischer Tiere“, die Artikulation traumatischer Verluste und Bildung neuer Allianzen.
Im Dialog mit ihren eigenen Arbeiten zeigt Arsanios Filme von Simone Bitton, Mohammad Malas und Reem Shilleh, die ergänzt und erweitert werden durch Workshops, Lesungen und Gespräche mit Ali AlAdawy, Haytham el-Wardany und Stefanie Baumann. Sie orientieren sich an Fragen, die Arsanios folgendermaßen skizziert:
„Wie können wir von Filmen lernen, die aus dem Land heraus entstehen, die in Landkonflikten verwurzelt sind und selbst zu pädagogischen Objekten werden? Welche filmischen Formen erwachsen aus der Topografie eines Ortes, seiner geografischen Beschaffenheit und seinen Böden? Und wie wird das Filmset seinerseits zu einem pädagogischen Raum für diese Konflikte?“
Bereits in ihren früheren Arbeiten reflektiert Arsanios das filmische Bild und ihre eigene Verstrickung in unterschiedliche Prozesse der Bilderzeugung zwischen dokumentarischem und fiktionalem Erzählen, militantem Filmemachen und künstlerischer Intervention. In Have You Ever Killed a Bear or Becoming Jamila (2014) begegnen wir der legendären algerischen Revolutionärin Djamila Bouhired in unterschiedlichen medialen Verkörperungen. Von der ikonischen Figur Bouhired ausgehend fragt Arsanios, wie die sozialistischen Projekte und nationalen Befreiungsbewegungen der Vergangenheit feministische Projekte befördert oder marginalisiert haben. In Amateurs, Stars and Extras or Labor of Love (2018) wird das Filmset zum Ort, an dem jene unsichtbaren Formen reproduktiver Arbeit erscheinen, die dem kapitalistischen System Stabilität und Dauer verleihen. In komplex gebauten, inszenierten und dokumentarischen Szenen sprechen Frauen in Mexiko und dem Libanon von Arbeit, Freizeit und Widerstand.
Zur Biografie:
Marwa Arsanios’ Arbeit kreist um strukturelle Fragen. Sie versucht Raum innerhalb von und parallel zu bestehenden Kunststrukturen zu schaffen, der das Experimentieren mit unterschiedlichen Formen der Versammlung ermöglicht – beginnend mit architektonischen Räumen, ihrer Transformation und Anpassungsfähigkeit, bis hin zu von Künstler*innen betriebenen Räumen und temporären Zusammenkünften. In den letzten Jahren widmeten ihr u.a. das Haus für Kunst Uri (2026), die Joan Miro Foundation (2025), das Artium Museum (2025), BAK Utrecht (2024), der Heidelberger Kunstverein (2023), Mosaic Rooms, London (2022) und das Contemporary Arts Center, Cincinnati (2021) Einzelausstellungen. Sie war außerdem an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen beteiligt, wie jüngst der Documenta 15 (2022), der Sydney Biennial (2022), der 11th Berlin Biennale (2020) und der Gwangju Biennial (2018). Ihre Filme werden regelmäßig auch bei internationalen Filmfestivals gezeigt.
Bildrechte: Mariam Mekawi