05.03.2026
EMAF 39 - Ausstellung "An Incomplete Assembly"
Die von Inga Seidler kuratierte Ausstellung An Incomplete Assembly in der Kunsthalle Osnabrück zeigt aktuelle, internationale Arbeiten der Medienkunst, die größtenteils über die jährliche öffentliche Ausschreibung ausgewählt wurden. Die versammelten Positionen entstanden in den vergangenen Jahren und reichen von Installationen über filmische Arbeiten und Installationen bis hin zu digitalen Interventionen.
Thematischer Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Versammlung: das Zusammenkommen von Stimmen, Bildern, Körpern und Zeitordnungen. Wo solche Konstellationen immer wiederkehren, Abläufe ritualisiert und Narrative stabilisiert werden, bilden sich institutionelle Strukturen. Sie organisieren Öffentlichkeit, regeln Teilhabe, markieren Zugehörigkeit, ordnen – und produzieren Ausschlüsse.
Institutionen erscheinen dabei nicht als statische Gebilde oder klar umrissene Organisation, sondern als performative Ordnung: als Gefüge aus räumlichen Anordnungen, medialen Rahmungen und zeitlichen Regimen, das Wahrnehmung strukturiert und Verhalten formt. Die beteiligten Künstler*innen untersuchen, wie solche Ordnungen entstehen – durch Wiederholungen, Synchronisierung, räumliche Setzung und narrative Codierung –, worin sie sich manifestieren und wie sie sich im Vollzug stets neu herstellen. Zugleich fragen sie, wo diese Gefüge brüchig werden und welche anderen Formen des Zusammenkommens darin sichtbar werden.
Robin Kötzles Zwei-Kanal-Installation Sehen wer wir sein (s|w)ollten analysiert die mediale Konstruktion politischer Ereignisse. Synchron laufen Ausschnitte aus der ostdeutschen Aktuellen Kamera und der westdeutschen Tagesschau, die über Proteste zwischen 1952 und 1991 berichteten. Wenn ein Ereignis im jeweils anderen System nicht vorkommt, bleibt der Bildschirm schwarz. In dieser formalen Präzision werden ideologische Rahmungen, sprachliche Codierungen und historische Leerstellen erfahrbar. Sichtbarkeit erweist sich als Resultat institutioneller Entscheidung – als etwas, das hergestellt und ebenso verweigert werden kann.
Bethan Hughes richtet in Built to Order I den Blick auf eine Wohnsiedlung in Berlin-Neukölln und untersucht Architektur als Projektionsfläche sozialer Vorstellungen. Archivmaterial, Found Footage und neu gedrehte Aufnahmen entfalten sich auf zwei einander gegenüberliegenden Screens, verdichtet im Zusammenspiel mit Skulptur, Licht und Klang. Hughes zeigt, wie Überwachung, Disziplinierung, Projektion und rassifizierte Zuschreibungen in gebaute Strukturen eingeschrieben sind. Architektur fungiert nicht als neutraler Hintergrund, sondern als aktive Mitproduzentin gesellschaftlicher Ordnung.
Bianca Baldi erweitert diese Perspektive um eine zeitliche Dimension. In Hear her calendar system a year of thirteen months geht sie von einer Fotografie eines Feigenbaums in Äthiopien aus dem Familienarchiv aus. Daraus entwickelt sie eine Auseinandersetzung mit kolonialen Verwaltungs- und Kalendersystemen. Video, Zeichnungen und eine Vokalkomposition überlagern lineare und zyklische Zeitmodelle. Der Baum erscheint als mehr-als-menschliche Zeugin historischer Gewalt und zugleich als Verkörperung alternativer Zeitvorstellungen. Geschichte wird hier nicht als abgeschlossene Chronologie, sondern als veränderbares Gefüge lesbar.
Sarah Reva Mohr untersucht Machtdynamiken in sozialen und physischen Räumen und im Verhältnis von Mensch und Tier. Auch die Arbeit sensational view, tired screams behandelt einen institutionell organisierten Raum: den Zoo von Barcelona. In der Installation entfaltet sich eine vielschichtige Analyse des Zoos als Ort zwischen Fürsorgeversprechen und Machtausübung. Unterschiedliche Perspektiven machen koloniale Blickregime und die Ästhetisierung von Kontrolle sichtbar. Der Zoo wird zur Apparatur, in der Sehen, Wissen und Hierarchie ineinandergreifen und sich gesellschaftliche Machtverhältnisse materialisieren.
In Jarramplas untersucht Yalda Afsah ein jahrhundertealtes Ritual im spanischen Piornal, bei dem ein kostümierter Dorfbewohner von der Menge mit Rüben beworfen wird. Die filmische Arbeit konzentriert sich auf die Struktur der Versammlung: auf die Verdichtung von Körpern, das kollektive Handeln und die Dynamik, die entsteht, wenn sich individuelle Gesten in einer Gruppe synchronisieren. Indem wesentliche Elemente des Geschehens außerhalb des Bildes bleiben, verschiebt Afsah den Blick vom folkloristischen Narrativ hin zu den Mechanismen, durch die Gemeinschaft sich formiert.
Mit dem Alternativen Denkmal für Deutschland verlagert das Alternative Monument collective die Auseinandersetzung mit institutionalisierter Erinnerung in den öffentlichen und digitalen Raum. Das Augmented-Reality-Projekt besitzt keine dauerhafte physische Form, sondern aktiviert sich situativ über mobile Endgeräte. Visuelle Collagen, skulpturale Elemente und Soundfragmente verbinden individuelle Narrative von Migration, Exil und Verdrängung. Das Monument entsteht hier nicht durch Materialität oder Dauer, sondern durch kollektive Aktualisierung. Erinnerung wird als vielstimmiger Prozess erfahrbar, der sich jeder endgültigen Fixierung entzieht.
Im Rahmen der Talks, kuratiert von Franziska Pierwoss, öffnet ein Workshop mit dem Alternative Monument collective das „Alternative Denkmal für Deutschland“ als lebendige Plattform für Austausch und Experiment - und wird mit den Teilnehmenden untersuchen, wie ein zeitgemäßes Denkmal für Migration im öffentlichen Raum gemeinsam gestaltet werden kann.
Die Arbeiten in An Incomplete Assembly zeigen Institutionen als Choreografien von Bildern, Körpern und Zeitstrukturen, die Verhalten lenken und Zugehörigkeit organisieren. Indem sie mediale Leerstellen, architektonische Einschreibungen, zeitliche Raster und erinnerungspolitische Setzungen freilegen, eröffnen sie Räume, in denen Ordnung nicht als gegeben erscheint, sondern als verhandelbar.
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Wir freuen uns auf Euren Besuch!
Picture Copyright: Bianca Baldi