Filmprogramm
Die Filmprogramme des EMAF entstehen in Zusammenarbeit mit internationalen Kurator*innen, Künstler*innen und Theoretiker*innen, die als Teil der Auswahlkommission die Beiträge für Wettbewerbs- und Langfilmprogramme auswählen oder eingeladen werden, eigene thematische Programme und Reihen zu entwickeln.
Internationale Auswahl und Langfilme
Über den Open Call werden beim EMAF jedes Jahr mehrere Tausend Filme aus aller Welt eingereicht. Aus ihnen stellt ein Kurator*innenteam die Programme der INTERNATIONAL SELECTION und FEATURE FILMS zusammen. Hier sind in diesem Jahr 30 aktuelle Kurz- und vier Langfilme zu sehen, die mit drei weiteren historischen Filmen im Dialog stehen. Sie setzen sich mit trotzigem Humor und subversiver Energie gegen verordnetes Schweigen und politische Ohnmacht zur Wehr, erinnern eindrücklich an vergangenes Unrecht und bringen vergessene Bilder und Worte wieder in Umlauf. An die Stelle jener Infrastrukturen, die die scheinbare Normalität unserer Gegenwart stützen, setzen sie Formen des Dialogs, des gemeinsamen Handelns und der Weitergabe, die ein anderes Zusammenleben vorstellbar machen. Angesiedelt zwischen formalem Experiment und popkulturellem Spiel, dokumentarischem Rückblick und kritischer Gegenwartsanalyse zeigen diese Arbeiten die Wandlungsfähigkeit von Film als politischem Medium.
An Incomplete Assembly
Das Filmprogramm THEY GAVE US FLAMES, WE MADE A FIRE, das Ana Vaz zum Festivalthema kuratiert hat, versucht unsere Vorstellung von Film als abgeschlossenes Werk zu erweitern. Es untersucht Praktiken, die ihren Entstehungsprozess nicht als Mittel zum Zweck, sondern als konstitutiven Bestandteil der Werke selbst betrachten. Die Reihe versammelt filmische und performative Beiträge, die nach der Handlungsmacht ihrer Autor*innen, Beteiligten und Nutzer*innen fragen und stellt Verbindungen her zwischen On- und Offscreen, Bühne und Backstage.
Raquel Schefer und Philip Widmann widmen sich in WHAT IS NEEDED der Mostra Internacional de Cinema de Intervenção, einem Festival, das 1976 im postrevolutionären Portugal stattfand. Es stellte den einmaligen Versuch dar, unterschiedliche Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen sowie Filme aus dem Globalen Norden und Süden miteinander zu verbinden. Fünfzig Jahre später betrachtet das Programm die Möglichkeiten von „Intervention“ in die Institutionen einer liberaldemokratischen, postfaschistischen Gesellschaft.
Artist in Focus
Die Reihe ARTIST IN FOCUS ist in diesem Jahr der Künstlerin Marwa Arsanios gewidmet. Im Zentrum des Programms steht Arsanios‘ seit 2017 fortlaufende Filmreihe Who Is Afraid of Ideology?, in der sie feministische Kollektive und Initiativen im irakischen Teil Kurdistans, in Syrien, im Libanon und in Kolumbien begleitet, die für ihr Recht auf Land und Selbstbestimmung, die Wiederherstellung von historischem Gemeineigentum und die Weitergabe von Wissen kämpfen. Im Dialog mit ihren eigenen Arbeiten zeigt Arsanios Filme weiterer Autor*innen, ergänzt durch Workshops, Lesungen und Gespräche mit Gästen.
Expanded Cinema: Unburdened Recollections
Die überaus erfolgreiche Expanded CinemaReihe UNBURDENED RECOLLECTIONS wird in diesem Jahr mit neuem Konzept fortgesetzt. Die Initiator*innen Anja Dornieden und Juan David González Monroy haben das Kurator*innenduo Mark Toscano und Zena Grey aus Los Angeles eingeladen, an zwei Abenden experimentelle Filme und Videos aus den 1960er und 70er Jahren zu zeigen, die nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch das Bewusstsein erweitern.
Palestine Library Frankfurt
Die Palestine Library Frankfurt ist eine Initiative von Menschen und mehr als 500 Büchern über Palästina und andere antikoloniale Kämpfe, die in wechselnden Konstellationen und Kooperationen Vorträge, Buchvorstellungen und Zusammenkünfte organisiert. Von Donnerstag bis Samstag lesen wir in allen vorhandenen Sprachen aus unserer Sammlung vor, sprechen über unsere zweite Palestinian Liberatory Book Fair – ein dreitägiges Programm, das im Oktober 2025 direkt vor der Frankfurter Buchmesse stattfand – und diskutieren über aktuelle Formen der Solidarität mit dem palästinensischen Kampf.
Ausstellung
Wo Stimmen, Bilder und Körper zusammenkommen, entstehen Ordnungen. Sie strukturieren Wahrnehmung, stabilisieren Narrative und regeln, wer sprechen, sehen oder handeln darf. Die Ausstellung An Incomplete Assembly begreift Versammlung als dynamisches Gefüge aus Einschlüssen und Ausschlüssen. Institutionen erscheinen nicht als statische Systeme, sondern als performative Anordnungen, durch die – im Zusammenspiel räumlicher Setzungen, medialer Rahmungen und zeitlicher Regime – Öffentlichkeit organisiert und Zugehörigkeit geformt wird.
ROBIN KÖTZLES Zwei-Kanal-Installation Sehen wer wir sein (s|w)ollten analysiert die mediale Konstruktion politischer Ereignisse. Parallel laufen Ausschnitte aus Aktuelle Kamera und Tagesschau, in denen über Proteste zwischen 1952 und 1991 berichtet wird. Fehlt ein Ereignis im jeweils anderen System, bleibt der Bildschirm schwarz. So werden ideologische Rahmungen und historische Leerstellen erfahrbar: Sichtbarkeit zeigt sich als institutionelle Entscheidung – als etwas, das hergestellt und verweigert werden kann.
BETHAN HUGHES untersucht in Built to Order I eine Wohnsiedlung in Berlin-Neukölln als Projektionsfläche sozialer Vorstellungen. Archivmaterial und neue Aufnahmen begegnen sich auf zwei Screens, verdichtet durch Skulptur, Licht und Klang. Überwachung, Disziplinierung und rassifizierte Zuschreibungen werden als in Architektur eingeschrieben erkennbar. Die Architektur wird zur aktiven Mitproduzentin gesellschaftlicher Ordnung.
BIANCA BALDI erweitert diese Perspektive um eine zeitliche Dimension. In Hear her calendar system a year of thirteen months verbindet sie die Fotografie eines Feigenbaums aus Äthiopien mit kolonialen Verwaltungs- und Kalendersystemen. Video, Zeichnungen und Vokalkomposition überlagern lineare und zyklische Zeitmodelle. Geschichte erscheint als veränderbares Gefüge; der Baum wird als mehr-als-menschliche Zeuge historischer Gewalt zum Träger alternativer Zeitvorstellungen.
SARAH REVA MOHR widmet sich in sensational view, tired screams dem Zoo von Barcelona als institutionell organisiertem Raum zwischen Fürsorge und Kontrolle. Unterschiedliche Perspektiven legen koloniale Blickregime und die Ästhetisierung von Macht offen. Der Zoo wird zur Apparatur, in der Sehen, Wissen und Hierarchie ineinandergreifen.
YALDA AFSAH richtet in Jarramplas den Blick auf ein Ritual in der spanischen Ortschaft Piornal, bei dem ein kostümierter Dorfbewohner mit Rüben beworfen wird. Die filmische Arbeit konzentriert sich auf die Struktur der Versammlung: die Verdichtung von Körpern und die Dynamik kollektiven Handelns. Indem Zentrales außerhalb des Bildes bleibt, verschiebt sich der Fokus auf die Mechanismen gemeinschaftlicher Formierung.
Das vom ALTERNATIVE MONUMENT COLLECTIVE konzipierte Alternative Denkmal für Deutschland (ADfD) verlagert institutionalisierte Erinnerung in den öffentlichen und digitalen Raum. Als Augmented-Reality-Projekt angelegt, aktiviert sich hier Erinnerung situativ über mobile Endgeräte, wobei visuelle Fragmente mit Narrativen von Migration, Exil und Verdrängung verbunden werden. Erinnerung erscheint als vielstimmiger Prozess, der sich jeder Fixierung entzieht.
Talks
Die diesjährigen Talks & Workshops befassen sich praxisorientiert mit den alltäglichen Realitäten der Kulturarbeit. Das Programm richtet sich an Filmemacher*innen, Kurator*innen, Organisator*innen und Studierende gleichermaßen und fragt, wie wir arbeiten – vor Ort, im Prozess und in Beziehung zueinander. Während wir gern – und völlig zu Recht – die Kontraproduktivität von Institutionen kritisieren, stellt dieses Programm eine andere Frage: Wie könnten produktive Antworten auf Zensur, institutionelle Feigheit und kollektive Erschöpfung aussehen?
Im Mittelpunkt des Programms stehen Methoden, die interventionistisch vorgehen:Projekte, wie das Alternative Denkmal für Deutschland (ADfD), das sich öffentlichen Raum mit digitalen Mitteln aneignet. Ausgehend von queeren, feministischen und migrantischen Perspektiven widersetzt sich das Projekt fremdenfeindlichen Narrativen und wird im Rahmen von kollektiven Workshops kontinuierlich weiterentwickelt.
Die immersiven Spiele und Performances von DANIELLE BRATHWAITE-SHIRLEY konfrontieren und demontieren festgefahrene Hegemonien. Danielles Arbeit begreift Archivierung als politische Praxis und verbindet sie mit Gaming als einer zeitgenössischen Form des kollektiven Austauschs über Identität, Privilegien und strukturelle Unterdrückung, die bestehende Erwartungen systematisch unterläuft.
Über die Theorie hinaus vermittelt das Programm konkrete Instrumente der Zusammenarbeit und stärkt Teilnehmende darin, bewusst andere strukturelle Ansätze in Institutionen, Festivals und der eigenen Praxis anzuwenden. Das Gespräch mit der Filmemacherin ISIDORA ILIĆ UND GÄSTEN bietet Einblicke in die von Studierenden initiierte Protestbewegung in Serbien, die seit über einem Jahr erfolgreich Bildungseinrichtungen besetzt, um gegen Korruption und Missmanagement der Regierung zu protestieren.
In einem Versuch der Dominanz autoritärer Narrative und der Krise der Vorstellungskraft entgegenzuwirken, lädt ALICJA ROGALSKA in ihrer workshopbasierten künstlerischen Praxis die Teilnehmenden dazu ein, utopische Vorstellungen spielerisch auf die gelebte Realität anzuwenden.
Die Talks & Workshops laden das EMAF-Publikum herzlich dazu ein, Formen der (Selbst-)Organisation zu erproben und bestehende Strukturen und Institutionen herauszufordern.
⟼ Kuratiert und moderiert von Franziska Pierwoss
Campus
Im Rahmen des Campus zeigen Klassen und Gruppen von Kunsthochschulen und Universitäten aktuelle Arbeiten und eigens für das Festival produzierte Projekte. In diesem Jahr sind Studierende aus Den Haag, Gent, Karlsruhe, Bremen und Osnabrück beim EMAF zu Gast und bespielen mit Installationen, skulpturalen Arbeiten, Performances und geführten Rundgängen sowohl Kunsträume als auch Orte im öffentlichen Raum.
Im Projekt von und mit Any Jackson Chaturanga der HFK BREMEN wird eine Turnhalle zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Körpern in Erwartung und in Bewegung. In individuellen und kollektiven Choreografien erproben sie, was hör-, sag- und erfahrbar werden kann im Rahmen gesetzter Strukturen.
Visuelle und Soundkünstler*innen der LUCA – SCHOOL OF ARTS entwickeln Screenings und Interventionen im öffentlichen Raum, die sich im Dialog mit dem Ort und miteinander entwickeln. Sie entfalten sich als eine Art Komposition in Echtzeit, die die Politik vorgefundenen Alltagsorte befragt.
Der Masterstudiengang Künstlerische Forschung der ROYAL ACADEMY OF ART, DEN HAAG ist mit Videoarbeiten, Installationen, Skulpturen und Performances vertreten, die um Musterbildung und Wiederholung, Infrastrukturen und Subversion oder die Materialität und Bewegung von Erinnerung kreisen.
Die Colonial Crimes Unit der HFG KARLSRUHE nutzt forensische und spekulative Methoden, unterstützt durch eigens entwickelte technologische Hilfsmittel, um im Stadtraum von Osnabrück menschliche und nichtmenschliche Zeug*innen kolonialer Verbrechen aufzuspüren und dingfest zu machen.
Die Beiträge des Instituts für Kunst/Kunstpädagogik der UNIVERSITÄT OSNABRÜCK verweben Wissenschaft, Technologie und künstlerische Praxis. Sie verhandeln den offenen Prozess zwischen Regelwerk und Imagination und fragen, wie andere Codes, temporäre Allianzen und hybride Lernräume entstehen können.
Die MUSIK- UND KUNSTSCHULE DER STADT OSNABRÜCK entwickelt eine Rauminstallation, die sich mit sichtbaren und unsichtbaren institutionellen Strukturen und Codes auseinandersetzt.



























